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Das Projekt „Von München nach Berlin“ ist eine partizipative, dezentrale Erinnerungsinstallation, die mit orangenen Stoffbändern an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors erinnert. Die Strecke von München nach Berlin steht sinnbildlich für die ca. sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden Europas. Zugleich erinnert das Projekt ausdrücklich auch an die vielen weiteren Opfergruppen des Nationalsozialismus – darunter Menschen mit Behinderungen, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Homosexuelle und viele andere. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit lädt die Installation zum Erinnern ein und macht das Ausmaß der Verbrechen sichtbar, indem es das Geschehene sinnbildlich auf eine Autobahnstrecke überträgt.
Wir arbeiten daran, aus diesem Konzept einen sechs Stunden langen Film zu entwickeln, der die Strecke von München nach Berlin entlang der orangenen Bänder in voller Länge abfährt und so den Weg des Erinnerns körperlich erfahrbar macht. Dafür suchen wir Unterstützer*innen.
Die Installation
Sechs Millionen orangene Bänder spannen sich von München nach Berlin – jedes einzelne steht für ein ausgelöschtes, jüdisches Leben.
Die Bänder sind leicht und beweglich. Bereits ein Windhauch setzt sie in Bewegung. Diese Beweglichkeit verleiht der Installation eine lebendige Qualität. Es entsteht kein statisches Denkmal, sondern eine sich verändernde, temporäre Struktur im Raum.
Das Orange besitzt eine hohe Sichtbarkeit im Stadtraum wie in der Landschaft. Die Farbe erzeugt Aufmerksamkeit und bleibt auch aus größerer Entfernung wahrnehmbar. Sie steht für Energie und Präsenz und bildet einen bewussten Kontrast zur Geschichte.
Ihre Kraft entfaltet sich in der Reihung: Band an Band. Es entsteht eine fortlaufende Linie, eine sichtbare Verbindung. Die lineare Struktur verweist auf die Systematik der nationalsozialistischen Verbrechen. Nicht das einzelne Zeichen, sondern seine Wiederholung in Form von sechs Millionen Bändern macht das Ausmaß begreifbar.
Die Bänder definieren einen Übergang im öffentlichen Raum. Wer sich entlang dieser Linie bewegt, überschreitet gedanklich eine Grenze – vom heutigen Alltag in die Erinnerung an die Opfer. Die Installation schafft so einen Moment der Bewusstwerdung: einen Schritt vom Jetzt in die Vergangenheit.
Warum München - Berlin
Die Strecke von München nach Berlin folgt einer historischen Verschiebung des politischen Machtzentrums im Nationalsozialismus.
München gilt als Entstehungsort der nationalsozialistischen Bewegung. Hier formierte sich die NSDAP, hier fand am 8. November 1923 der sogenannte Hitler-Ludendorff-Putsch statt. Hitler und General Ludendorff versuchten in München die Macht zu übernehmen. Mit bewaffneten Anhängern stürmten sie eine Versammlung im Bürgerbräukeller und zwangen führende bayerische Politiker, ihre geplante „nationale Revolution“ zu unterstützen und gemeinsam nach Berlin zu marschieren. Kurz nachdem diese wieder frei waren, distanzierten sie sich jedoch von Hitler – der Putschversuch scheiterte.
Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933 verlagerte sich das Machtzentrum nach Berlin. Unmittelbar mit der Machtübernahme setzte eine reichsweite Verhaftungswelle gegen politische Gegner ein. Von Berlin aus wurde in den folgenden Jahren die systematische Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung sowie weiterer Opfergruppen organisiert – getragen von einem umfassenden Machtapparat aus Partei, Verwaltung, Polizei und Justiz.
Die gedachte Linie aus orangenen Bändern verbindet damit den Ort der frühen Bewegung mit dem Zentrum der politischen Verantwortung.
Warum Eglfing-Haar
“Von München nach Berlin” versteht sich als Fortsetzung des Projekts "Zeichen setzen!", wo in Haar am 13. Juni 2024, an die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen erinnert wurde. Die Installation entstand in Zusammenarbeit der Gedenkinitiative für die „Euthanasie“-Opfer München und m8architekten.
Die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar war zwischen 1939 und 1945 ein zentraler Ort der nationalsozialistischen Krankenmorde. Menschen, denen körperliche, geistige oder seelische Behinderungen zugeschrieben wurden, galten als „lebensunwürdig“ und wurden systematisch ermordet. In der sogenannten „Kinderfachabteilung“ starben mehr als 332 Kinder durch überdosierte Medikamente, in zwei sogenannten Hungerhäusern über 440 Menschen. Zudem wurden mehr als 1.400 erwachsene Patientinnen und Patienten durch Medikamentenüberdosierung, Nahrungsentzug und gezielte Vernachlässigung ermordet. Rund 2.100 Menschen deportierte man von hier im Rahmen der „Aktion T4“ in die Gaskammern der Tötungsanstalten, weitere 35 in das KZ Dachau.
Die „Aktion T4“ war ein von Berlin aus gesteuertes, reichsweites Mordprogramm. Es gilt als organisatorischer und technischer Vorläufer der späteren industriellen Massenvernichtung.
Auf dem Anstaltsfriedhof von Eglfing-Haar wurden über 1.000 Opfer beerdigt, darunter 549 Münchnerinnen und Münchner sowie eine unbekannte Zahl verschleppter Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Heute erinnert am historischen Ort der Gedenkpavillon „Bibliothek der Namen“ an viele der Ermordeten und macht ihre Namen wieder sichtbar. Erst seit dem 29. Februar 2025 gelten die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen auch politisch ausdrücklich als eigenständige Opfergruppe. Die Installation „Von München nach Berlin“ trägt diese Erinnerungsarbeit weiter in den öffentlichen Raum: vom konkreten Ort des Verbrechens in eine gedachte Linie durch das Land.
Vertiefende Informationen finden sich auf der Website von Sibylle von Tiedemann - NS-"Euthanasie"-Aufarbeitung
Gruppen systematischer Verfolgung im Nationalsozialismus
Die sechs Millionen Bänder stehen zunächst für die sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden – und zugleich stellvertretend für die Millionen weiteren Menschen, die aus rassistischen, politischen, sozialen oder ideologischen Gründen verfolgt und ermordet wurden (mehr dazu in der Holocaust-Enzyklopädie):
Juden / Jüdinnen fast 6 Millionen Ermordete
homosexuelle und bisexuelle Männer zwischen 5000 und 15000 Ermordete
Euthanasie-Opfer zwischen 200.000 und 300.000 Ermordete
polnische Bevölkerungsgruppen ca. 1,8 Millionen Ermordete
politische Gegnerinnen und Gegner unbekannt
Sinti und Roma zwischen 250.000 und 500.000 Ermordete
Schwarze Menschen in Deutschland unbekannt
sowjetische Kriegsgefangene ca. 3,3 Millionen Ermordete
sozial ausgegrenzte und stigmatisierte Menschen unbekannt
Zeugen Jehovas 1700 Ermordete
Darüber hinaus forderte der nationalsozialistische Vernichtungs- und Eroberungskrieg Millionen weitere Opfer. Allein die Sowjetunion verlor im Zweiten Weltkrieg rund 27 Millionen Menschen. Insgesamt wird die Zahl der Kriegstoten auf etwa 60 bis 80 Millionen geschätzt - unermessliches Leid für ganze Generationen.
„6 Millionen Ermordete“ | Impuls von Matthias Thönnissen (Drehbuchautor Regisseur)
„6 Millionen Ermordete“
ist eine Zahl.
Eine große Zahl.
6.000.000
Spüren lässt uns diese Zahl wenig. Dafür ist die menschliche Vorstellungskraft nicht gemacht. Aus diesem Grund erschaffen wir eine Installation des Erinnerns, die die Vorstellungskraft erweitert.
Projekt
Wir machen diese Zahl sichtbar. Machen spürbar, dass hinter dieser Zahl 6 Millionen Schicksale stehen. 6 Millionen Leben. 6 Millionen nicht zu Ende gelebte Leben.
Stoff
Ein Kunstprojekt, bei dem alle mitmachen können. Ein Streifen Stoff reicht. Jeder Streifen Stoff repräsentiert ein Leben. Ein Leben, dass sich bewegt, im Wind spielt, das bunt ist und sich vom nächsten Streifen Stoff unterscheidet. Jedes Leben ist besonders. Warum wurde es ausgelöscht?
Spürbarkeit
Wir folgen einer 600 Kilometer lange Schnur voller Stoffstreifen durch ganz Deutschland. Auf der Autobahn, durch den Wald, durchs Dorf, über Wiesen und Felder und Städte. Es ist in diesem
Land passiert, auf diesen Wiesen, Feldern und Ansiedlungen. Die Länge des Weges macht die Zahl spürbar.
Partizipation
Jeder kann so einen Streifen Stoff herstellen. Oder sogar mehrere? Spann die Leine durch deinen Garten, durch deine Straße, vor deinem Fenster und dann filmst du ihn ab. Poste dein Video.
Für Fortgeschrittene, für Schulklasse oder Vereine: Recherchiere eine oder mehrere Geschichten aus deiner Familie, deinem Ort, deinem Umfeld. Mach einen der Streifen zum Individuum.
Die Namen auf den Bändern geben den Opfern ihre Individualität zurück und machen aus abstrakten Zahlen wieder Menschen. Indem sie sich sichtbar im Raum bewegen, wird Erinnerung persönlich, greifbar und lebendig. Die dort genannten Namen beziehen sich exemplarisch auf Opfer der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, dem Ausgangspunkt der Installation. Von hier aus weitet sich die Erinnerung entlang der Strecke auf die sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden sowie auf die weiteren Opfergruppen des Nationalsozialismus aus.
Stell dir vor.
Es ist 8 Uhr morgens. Du stehst auf dem Friedhof in Haar – dort, wo viele der Menschen begraben liegen, die in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen.
Zwischen den Bäumen wehen leuchtend orangene Bänder im Wind. Du folgst ihnen. Doch der Weg führt weiter, viel weiter.
Du steigst ins Auto. Die Bänder begleiten dich – über 600 Kilometer, von Haar bis nach Berlin. Sechs Stunden Fahrt.
6 Millionen Bänder säumen die Strecke. Ein Band für jedes jüdische Leben, das ausgelöscht wurde.
Würde man alle Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungs- und Eroberungskrieges einbeziehen, wäre diese Fahrt nicht in sechs Stunden zu bewältigen. Sie würde sich auf Tage ausdehnen.
Doch selbst diese Vorstellung bleibt unzureichend.
Die Bänder ziehen sich weiter – über Berlin hinaus, durch Europa. Sie stehen für Jüdinnen und Juden, für Sinti und Roma, für Menschen mit Behinderung, für politisch Verfolgte, für queere Menschen, für Zeugen Jehovas, für sowjetische Kriegsgefangene und viele andere.
Ein stiller Strom, der dich begleitet.
Raum für Stille.
Für Nachdenken.
Für die Frage, wie wir heute erinnern.
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