"Unerhörte Eingaben"   Gedenkinitiative Münchner NS-„Euthanasie“-Opfer

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Am 18. Januar 2026 haben wir die Schaufenster-Ausstellung „Unerhörte Eingaben“ in der Kaufingerstraße 26 eröffnet.

Die Münchner Alois Dallmayr, Heinrich Emmerling und Maria Winterhalter hatten Pläne, Hoffnungen, Zukunft, bis sie in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen wurden. Sie schrieben Protestbriefe, die die Ärzte zurück hielten und zeichneten: sich selbst, die Anstalt, die Verhältnisse. Die Ausstellung zeigt diese Zeugnisse erstmals öffentlich – als Akte von Kreativität und Selbstbehauptung. Alle drei wurden Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen.
Trotz eisiger Kälte kamen über 60 Menschen zusammen, um gemeinsam zu erinnern und die Ausstellung zu eröffnen.
Mit Anton Biebl, Leiter der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der Familie Emmerling, Peter Brieger, ärztlicher Direktor des Isar-Amper-Klinikums, Vertretungen aus Stadt und Bezirk, Kreativ München sowie vielen Interessierte aus der Stadtgesellschaft.

Alois Dallmayr

„Ich habe nicht mehr die Gelegenheit gehabt, die Welt ganz noch zu sehen, aber mit dem, was ich wahrgenommen und gesehen habe, bin ich einigermaßen sehr zufrieden.“ - Alois Dallmayr

Alois Dallmayr wurde am 7. Dezember 1883 in Burghausen als jüngstes Kind einer wohlhabenden Justizratsfamilie geboren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog sie zu einem Münchner Onkel, dem Gründer des gleichnamigen Delikatessenwarengeschäftes. Seit 1903 lebte Dallmayr mit seiner verwitweten Mutter in der Kolbstraße 11. Er diente beim königlich-bayerischen Regiment, lernte Kaufmann und studierte in Hamburg Naturwissenschaften. 1916 wurde er in die Universitätsnervenklinik aufgenommen und in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt.

In der Anstalt fertigte Dallmayr zahlreiche Zeichnungen an. Die Zeichnung »Gewalt gegen Schwerhörige« befindet sich auf dem Umschlag eines Briefes an seine Mutter. Der normalhörende Sohn machte die systematische Gewalt in der Anstalt für Außenstehende sichtbar. Die Zeichnung – Beobachtung und Anklage. Die Ärzte hielten den Brief zurück.

Am 30. August 1940 wurde Alois Dallmayr im Rahmen der »Aktion T4« in die Tötungsanstalt Hartheim deportiert und dort ermordet. Er gehört zu den 2.026 Münchner Opfern des NS-»Euthanasie«-Programms. Dallmayrs Zeichnungen wurden in den 1920er Jahren in die Sammlung des Kunsthistorikers und Psychiaters Hans Prinzhorn aufgenommen. Sie sind heute in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg zu sehen.

Über Alois Dallmayr in der Krankenakte, 1917
„Macht schwachsinnige Zeichnungen.“

 

Heinrich Emmerling

„Es ist quälend sich in einem Mittelding von Gefängnis, Konzentrationslager, Arbeitsdienst und Irrenanstalt = Heilanstalt auf nicht vorauszusehende Dauer zu befinden.“ - Heinrich Emmerling, 1936

Heinricht Emmerling wurde 1912 in eine Bäckerfamilie in Gunzenhausen geboren. Der exzellente Schüler begann ein Geographiestudium an der Universität München. 1935 unterbrach er eine Antrittsvorlesung mit den Worten „Alles ist falsch“ und warf einen Atlas auf den Tisch. Er wurde in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen. In der Anstalt schrieb Emmerling zahlreiche Briefe. Er protestierte, argumentierte, forderte. Auffällig ist seine gestaltete Schrift: kontrolliert und eigensinnig, raumgreifend, fast bildhaft. Die Ärzte hielten seine Schreiben zurück.

In der Krankenakte findet sich auch eine farbige Zeichnung. Die Figur wirkt beinahe heiter, doch die Augen sind verdeckt, die Arme verschränkt. Ein Bild von Selbstschutz und innerer Distanz. Am 11. Juni 1943 wurde Heinrich Emmerling durch gezielten Nahrungsentzug ermordet. Er wog zuletzt 43 Kilogramm bei 1,70 Meter Körpergröße. Er gehört zu den 2.026 Münchner Opfern des NS-„Euthanasie“-Programms. In seiner Familie lebt die Erinnerung an ihren Heiner bis heute fort. Zahlreiche seiner Zeichnungen hängen gerahmt bei seiner Familie in Gunzenhausen.

Über Heinrich Emmerling in der Krankenakte, 17.07.1936:
„Bild des Patienten dem Krankenblatt beigelegt. Schmückt sich oft in dieser grotesken Weise.“

 

Maria Winterhalter

„An den Magistrat der Haupt- und Residenzstadt München - Da ich mit dem Stil von Eingaben nicht vertraut bin, bitte ich meine traurige Lage in Betracht zu ziehen und etwas Nachsicht zu üben; (…) Das Gefängnisartige und Eingeschlossensein glaube ich zurückweisen zu können, weil es vollständig unnatürlich ist, und ich dann Zweck und Absicht nicht verstehen und wahrscheinlich nicht gutheißen kann.“ - Maria Winterhalter, 1922

Maria Winterhalter wurde am 12. September 1892 in München in die Familie eines königlich-bayerischen Hoflieferanten für Silber- und Goldschmuck geboren. Sie wuchs in der Residenzstraße 15 über dem elterlichen Juwelierladen auf. Sie besuchte das Ascher’sche Institut, eine private Lehranstalt für Mädchen, und wollte Kunstmalerin werden.1922 wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen.

Die Münchner Bürgerin schrieb an den Magistrat der Stadt München und wandte sich gegen die Art der Behandlung. Erfolglos. Sie blieb über Jahrzehnte in der Anstalt. Im April 1945 lehnten die Ärzte eine medizinisch notwendige Behandlung ab.Maria Winterhalter starb einen Tag nach der Befreiung der Anstalt durch die Amerikaner an gezielter Vernachlässigung nach 23 Jahren Aufenthalt. Sie gehört zu den 2.026 Münchner Opfern des NS-»Euthanasie«-Programms.

Ihre Eingabe liegt bis heute in der Krankengeschichte – unerhört. Die Ärzte hatten den Brief im Jahr 1922 zurückgehalten.

Über Maria Winterhalter in der Krankenakte, 25.04.1945: „Eine Operation kommt unter den jetzigen Verhältnissen bei der widerstrebenden und verkehrten Kranken nicht in Frage.“

Tod am 03.05.1945

Gedenkinitiative für NS-„Euthanasie“-Opfer

Die Gedenkinitiative für NS-„Euthanasie“-Opfer engagiert sich seit 2015 für das Gedenken an die Opfer der NS-„Euthanasie“-Morde in München. In ihr engagieren sich überwiegend Opfer-Angehörige, aber auch Historiker*innen, Psychiater*innen und Interessierte. Zentrale Anliegen sind die Unterstützung der betroffenen Familien und die Sensibilisierung der Gesellschaft für diese oft vergessene Opfergruppe. Erst 2025 wurden die NS-„Euthanasie“-Opfer vom Deutschen Bundestag als Verfolgte des NS-Regimes anerkannt.

zur Gedenkinitiative

Fortsetzung der Aktion “Zeichen setzen”

In Fortsetzung der Aktion „Zeichen setzen“ auf dem Anstaltsfriedhof in Haar repräsentierten 2.000 orangenen Bänder die Opfergruppe als Ganzes und holen sie in die Stadtgesellschaft zurück. Die Werke dreier Patientenkünstler*innen holen die Opfer aus der Anonymität und geben ihnen ein Gesicht. Die Kunstwerke stehen für die Opfer und für ihre Selbstbehauptung. Es wird die besondere Perspektive eines Schaufensters von Innen nach Außen und Außen nach Innen ein Thema sein, um Zuschauen, Teilhabe, Wert und Art der Informationsvermittlung, sowie auch die Übernahme von Verantwortung eines jeden Einzelnen in der Gesellschaft aufzuzeigen.

Mehr über die Aktion

Ausblick

In München existiert bislang kein zentraler Gedenkort für die Opfer der NS-Krankenmorde. Die Schaufensterinstallation im Umfeld des Rathauses setzt hierzu einen sichtbaren Impuls im Stadtraum – insbesondere im Zeitraum um den 18. und 27. Januar.

Über die temporäre Präsentation hinaus versteht sich das Projekt als Anstoß für einen dauerhaften Erinnerungsort. Ein begleitendes Programm eröffnet Möglichkeiten zur Beteiligung und zum Austausch. Öffentliche Sichtbarkeit schafft zudem Anknüpfungspunkte für Angehörige, die Unterstützung bei Recherche und Aufarbeitung suchen.

Die inhaltlichen und gestalterischen Ergebnisse der Installation werden dokumentiert und weitergeführt – als Beitrag zu einer langfristig verankerten Erinnerungskultur in München.

Das Projekt wurde rmöglicht durch Gedenkinitiative.ns.euthanasie, kreativmuenchen, Oberbayerische Heimstätte, Franz- und Rosa-Eben Stiftung und die Arbeitsgemeinschaft für Kultur und Gesellschaft e.v; Fotos von stas.mi.art & m8architekten; Mit Unterstützung von Kunsthandel Boesner, Aicher Holzbau, KEIMFARBEN und dot-spot

Haben Sie Fragen? Brauchen Sie Unterstützung? Oder möchten Sie sich einbringen? Schreiben Sie an: info@gedenkinitiative-ns-euthanasie.de

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